Ein Horrorspiel, das den Namen wirklich verdient. Aber nicht so, wie sich die Entwickler vielleicht wünschen. Das ist Until Dawn.

Zufällig bin ich im August bei einem Facebook-Freund auf den Trailer gestoßen, der genau meinen Geschmack getroffen hat. Düstere Stimmung, atmosphärische, dunkle Umgebung und seltsame, angsteinflößende Wesen. Dazu kann ich als Spieler mitentscheiden, was passiert. Meine Auswahl beeinflusst dann den folgenden Spielverlauf. Genau das hat mich damals schon bei Heavy Rain so gereizt. Neben Bioshock 2 mein Most-Wanted-Titel 2010 (jedenfalls so aus der Erinnerung heraus). Da mein Lieblingspieleladen in Darmstadt plötzlich in der Versenkung verschwunden ist (dabei habe ich ihn immer so wunderbar unterstützt), bestelle ich es also vor und bin sehr gespannt, als es an einem Freitagnachmittag vor meiner Tür liegt. Zum Glück habe ich freundliche Nachbarn, die immer die Pakete für uns annehmen.

Testberichte, die nicht gerade viel Hoffnung machen.

Natürlich habe ich mir vorher den Test auf der GameStar-Seite durchgelesen und trotz der 85 Punkte, die vergeben wurden, machen mir Begriffe wie „Tennie-Slasher“, „Klischee-Jugendliche“ und „kranke Spielchen à la Saw“ nicht gerade viel Hoffnung. Doch sagt der Test auch, dass die Figuren, die am Anfang blass sind, sich entwickeln und uns dann später etwas bedeuten. Irgendeine Seite (leider habe ich vergessen, welche das war) empfiehlt außerdem, die Erwartungen zurückzuschrauben und sich auf das Spiel einzulassen. Gut, das kann ich und es hat sich bei Deadly Premonition mehr als gelohnt. Ich bezweifle zwar, dass Until Dawn auch nur annähernd an das beste schlechte Spiel ever herankommen kann, aber wir werden sehen. Immerhin sind die Bewertungen für den Teeni-Slasher durchweg gut bis sehr gut.

Eine Vorgeschichte zum Spielen.

Der Vorspann ist ansehnlich gemacht, ich stehe auf Horrorfilme und er sieht aus wie einer. Zumindest bis ich zum ersten Mal auf die Teenager treffe. Die sehen zwar allesamt aus wie Twens (die ein oder andere Falte gibt es bereits, drei Tage-Bärte sprießen fröhlich vor sich hin), verhalten sich aber als wären sie 14 (eine hat sogar Angst, dass ihre Eltern ihr in den Hintern treten, weil ihr Handy verschwunden ist …). Der Spieler bekommt nun erklärt, was vor einem Jahr geschehen ist und darf auch gleich ein bisschen spielen. Hier beginnt gleich mein ersten Problem. Mir fehlt von Anfang an die Identifikation mit diesen glattgebügelten Jugendlichen auf dem Bildschirm. Selbst das schüchterne Nerd-Mächen kommt nicht als solches rüber, sondern muss eigentlich nur die Brille absetzen und ist dann schon nicht mehr von den übrigen zu unterscheiden. Allesamt sind natürlich bestens gebaut, haben weiße und gerade Zähne und sind übermäßig extrovertiert. Vielleicht mag das in den USA so sein, mir gefällt es jedenfalls nicht. Egal, ich habe beschlossen, meine Vorurteile auszublenden und mich darauf eingelassen. Dann mal los. Tapfer spiele ich die Vorgeschichte, in die dann auch ein wenig Action reinkommt. Das macht Hoffnung, bei Heavy Rain ist man schließlich auch nicht direkt mit dem Ermittlungen gestartet.

Die Grafik: Ein Leckerbissen.

Wir legen also endlich los. Zumindest, nachdem man irgendwelche Psychospielchen mit einem Therapeuten absolviert hat. Das meiste davon fand ich ziemlich nervig und da er gleich mehrmals im Verlauf der Geschichte auftaucht, hatte ich irgendwann das Gefühl, er hat die Funktion, das Spiel in die Länge zu ziehen. Ähnlich wie damals die Sache mit den Wurzeln bei Alone In The Dark 5. Ätzend. Für den Fall, dass der Spieler dement ist, gibt es gleich noch etwas von der Sorte „Wir brauchen mehr Spielzeit“. Vor jedes, ja JEDES neue Kapitel hat Until Dawn eine Rückblende à la „letzte Woche bei Until Dawn“ gesetzt, die man nicht mal wegklicken kann. Oder zumindest habe ich nicht herausgefunden, wie das gehen soll. Ich komme mir also vor, als hielten mich die Entwickler für dement und ertrage diese ständigen Wiederholungen. Endlich lerne ich nun die Protagonisten kennen, aus deren Perspektive ich nach und nach die Nacht erleben werde.  Auch hier greift das Spiel der Fantasie des Spielers vorweg und informiert fleißig darüber, dass Chris humorvoll (hä?) sowie beschützerisch  und Emily intelligent (ach ja?) sowie überzeugend ist. Die Dialoge sind dazu so gestellt und hölzern (zumindest auf Deutsch), dass mir manchmal übel vom Augenverdrehen wird. Die Handlungen sind teilweise noch dazu so unlogisch, dass ich ab und zu kurz davor bin, das Spiel auszuschalten.

Der einzige Lichtblick ist tatsächlich die Grafik. Licht und Schatten, Texturen, Figuren und selbst die Spuren im Schnee sind hervorragend bishin zur Aussicht, die selbst in der Entfernung noch ein Genuss ist.  Beim Rennen spritzt der Schnee und selbst im Dunkeln findet man – die allerdings wenig versteckten – Hinweise sehr gut. Die Playstation zeigt hier schon, was sie so kann. Vielleicht wird es ja doch noch was …

Eifersuchtsspielchen, Zickereien und … ACH, halt’s Maul!

Wir sind also endlich im Haus, da geht es erst richtig los. Jeder aus der Clique war mal mit irgendeinem der Protagonisten zusammen und hat nun einen anderen Freund / eine andere Freundin. Jeder ist auf jemand anderen eifersüchtig, zickt rum, jammert …

Was für eine tolle Party. Danke, aber nein danke! Aus dem Alter bin ich raus, da mag ich nicht mehr mitmachen.  Da helfen auch die Jump-Scares und die Hinweise darauf, was alles Unheilvolles geschehen wird, nicht weiter. Nein, ich freue mich sogar manchmal darauf, dass einer der Protagonistinnen endlich etwas passieren wird, weil ich dann meine Ruhe habe. So richtig Gruselstimmung kommt für mich nicht auf, Herausforderungen suche ich vergeblich. Eine Entscheidung mal schneller treffen zu müssen, ist jedenfalls keine. Als das Spiel dann etwa nach der Häfte (nachdem wir das ziemlich vorhersehbare Saw-Spielchen aufgedeckt haben) an Fahrt aufnimmt, ist es bereits zu spät für mich. Ich kann mich leider nicht mehr reinfinden, zocke es nur noch aus Interesse der Gesamtauflösung durch. Das Ende kommt dann – eigenverschuldet – auch sehr plötzlich. Dank einer von mir getätigten Entscheidung, jage ich irgendwie alle übergebliebenen in die Luft. Naja, was soll’s. Tut mir irgendwie nicht leid.

Nicht mehr zu retten, weder die Protagonisten noch das Spiel.

Insgesamt muss ich leider sagen, dass ich total enttäuscht wurde. Es kam einfach keine richtige Gruselstimmung auf, was auch an der fehlenden Identifikation lag. Mir müssen doch die Charaktere irgendwie leidtun. Ich muss mit ihnen zittern, wenn sie um die nächste Ecke gehen, bangen, wann sie der/die/das Böse einholen wird und mich fragen, ob ich es mit ihnen schaffen werde, zu entkommen. All das war hier nicht gegeben. Auch haben mir die Herausforderungen gefehlt. Die Hinweise waren so wenig versteckt, dass ich beim ersten Durchgang beinahe alle entdeckt habe. Auch Totems fehlen mir kaum. Habe ich zu viel Silent Hill und Resident Evil gespielt? Kann sein. Jedenfalls war die Sucherei bei Until Dawn nicht sonderlich aufregend gestaltet. Was mir zum Schluss doch noch entgegenkam und was mich wieder ein wenig mit dem Spiel versöhnt hat, ist die Tatsache, dass wir uns die Folgen der einzelnen Entscheidungen in einer Art Galerie mit Erläuterungen ansehen können. Meine Neugierde wurde befriedigt und ich war kurz davor,  einzelne Szenen noch mal zu spielen, um den Verlauf zu ändern. Aber wie gesagt, nur kurz davor. Denn der Wiederspiewert ist irgendwie doch gleich null. Zu groß ist die Angst vor den Einspielfilmen (gähn) und dem Psychiater (doppelgähn) und den dummen Sprüchen der Teenies, die irgendwie für mich doch geistig unterenetwickelte Erwachsene sind, die noch Angst vor Mama und Papa haben. Zudem stört mich, dass bei manchen Entscheidung die Charaktere dennoch machen, was sie wollen. Dann muss ich mir auch vorher keine Gedanken machen, welche Auswahl ich treffen will. So ist Until Dawn leider – neben Batman – meine Enttäuschung des Jahres.

BTW: Ich war so enttäuscht, dass ich sogar vergessen habe, den Code für den Bonus Content einzulösen. Wenn den jemand haben mag:

LH98-BAN7-KGL9

Ich verschenke ihn gerne, ein halbes Jahr ist er noch gültig. First Come, first Serve.

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